Wellesz Symphonie Nr. 1, Text zum Programmheft

Wellesz Symphonie Nr. 1, Text zum Programmheft

Bei­trag zum Pro­gramm­heft der Auf­füh­rung der 1. Sym­pho­nie von Egon Wel­lesz am 25. Okto­ber 2015:

Egon Wel­lesz und sei­ne 1. Sym­pho­nie op. 62

Zur Fei­er des zehn­jäh­ri­gen Bestehens wen­den das Orches­ter und ich uns nach unse­rem Haus­gott Joseph Haydn dem kaum bekann­ten Kom­po­nis­ten Egon Wel­lesz zu.
Eine äuße­re Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Kom­po­nis­ten besteht zunächst: die Ehren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Oxford, die Haydn 1791 ver­lie­hen wur­de, und die Wel­lesz – als ers­ter öster­rei­chi­scher Kom­po­nist nach Haydn – im Jah­re 1932 erhielt. Auch sind bei­de als Sym­pho­ni­ker in die Musik­ge­schich­te ein­ge­gan­gen, wobei es Egon Wel­lesz auch post­hum bis­her nicht ver­gönnt war, Ruhm über ein­ge­weih­te Krei­se hin­aus zu ent­fal­ten.
Egon Wel­lesz wur­de am 21. Okto­ber 1885, also fast auf den Tag genau 130 Jah­re vor dem heu­ti­gen Kon­zert, als Sohn unga­ri­scher Eltern in Wien gebo­ren, und damit hin­ein in eine äußerst leben­di­ge, musi­ka­lisch und künst­le­risch fast über­vol­le Welt, die prä­gend auf den allen schöp­fe­ri­schen Berei­chen gegen­über offe­nen jun­gen Mann wirk­te, der nach einer Auf­füh­rung des Frei­schütz durch Gus­tav Mah­ler noch in der­sel­ben Nacht das Kom­po­nie­ren begann. Wel­lesz wird einer der ers­ten Stu­den­ten von Arnold Schön­berg, folgt ihm jedoch nicht auf dem Weg zur Dode­ka­pho­nie. Bru­no Wal­ter fin­det in einem ers­ten Kom­po­si­ti­ons­ver­such einer Oper dra­ma­ti­sches Talent und ermu­tigt Wel­lesz, zunächst allei­ne wei­ter zu arbei­ten, um sich selbst zu fin­den.
Die­sen Weg geht Wel­lesz kon­se­quent wei­ter und wird mit Kam­mer­mu­sik, Tanz­spie­len und Opern in der Zwi­schen­kriegs­zeit zu einem der meist­ge­spiel­ten Kom­po­nis­ten in Wien und einer gro­ßen Hoff­nung für die Zukunft. Im Jahr 1934 ent­ste­hen sei­ne fünf sym­pho­ni­schen Stü­cke „Pros­pe­ros Beschwö­run­gen“, in denen die Cha­rak­te­re von Shake­speares „Sturm“ nach­ge­zeich­net wer­den. Am 19. Febru­ar 1938 wird das Werk von Bru­no Wal­ter und den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern im Musik­ver­ein urauf­ge­führt. Wal­ter bit­tet Dr. Men­gel­berg, den Direk­tor des Con­cert­ge­bouw Ams­ter­dam, das Werk in sei­nem für den 13. März 1938 ange­setz­ten Kon­zert anstatt „Tod und Ver­klä­rung“ von Richard Strauss spie­len zu dür­fen, und Men­gel­berg wil­ligt ein. Am Vor­tag des Ams­ter­da­mer Kon­zerts erfolg­te der Ein­marsch Hit­lers in Öster­reich, womit Wel­lesz  auf­grund sei­ner jüdi­schen Her­kunft die Rück­kehr nach Wien ver­wehrt ist. Plötz­lich im Exil und Flücht­ling, bleibt er zunächst in Hol­land, als ihn schon eini­ge Tage spä­ter die Ein­la­dung nach Oxford erreicht, wo er sich wäh­rend des Krie­ges als Byzan­ti­nist inter­na­tio­na­le Repu­ta­ti­on erwirbt. Wäh­rend der Kriegs­jah­re ent­ste­hen nur weni­ge Wer­ke, bis er sich mit Kriegs­en­de zum ers­ten Male über­haupt der Sym­pho­nik zuwen­det und sei­ne ers­te Sym­pho­nie, die heu­te Abend zu hören ist, kom­po­niert.
„Es war die auf­re­gends­te Arbeit mei­nes Lebens … Auf­ge­wach­sen in der öster­rei­chi­schen Musik­tra­di­ti­on, war mir die Sym­pho­nie immer als das höchs­te Medi­um der musi­ka­li­schen Aus­spra­che erschie­nen, aber ich hat­te mich nicht an die Form her­an­ge­wagt, weil ich zu ihr nicht die nöti­ge Distanz gewon­nen hat­te, um etwas Eige­nes dar­in zu sagen, denn ich emp­fin­de die Form der Sym­pho­nie nicht als etwas Star­res, son­dern als etwas höchst Leben­di­ges, das in jedem neu­en Werk neu aus dem Inhalt erwächst und des­halb, für mich wenigs­tens, immer neu­en Anlass zur Gestal­tung bie­tet.“ (zitiert nach: Robert Schol­lum, „Egon Wel­lesz“, Wien, 1963).
Hier sagt Wel­lesz viel über sich, aber aber auch über den Grund, war­um wir uns die­ses Wer­kes 70 Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung gera­de zum zehn­jäh­ri­gen Bestehen unse­res Orches­ters anneh­men. Denn es ent­spricht dem Grün­dungs­grund der Blu­ten­burg Kam­mer­phil­har­mo­nie, sich der Sym­pho­nik an sich auf der Grund­la­ge der Wie­ner Klas­sik zu wid­men.
Die Sym­pho­nie, kom­po­niert im Jah­re 1945, wur­de 1947 von den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern unter mei­nem Leh­rer Ser­giu Celi­bi­da­che urauf­ge­führt, eine zwei­te Auf­füh­rung erfolg­te 1948 durch die Wie­ner Sym­pho­ni­ker unter Joseph Krips im Wie­ner Kon­zert­haus. Sie hat seit­dem kei­ne Gele­gen­heit erhal­ten, in das Bewusst­sein des Publi­kums vor­zu­drin­gen und zu bewei­sen, dass sie zu den gro­ßen Wer­ken der Sym­pho­nik, und sein Schöp­fer zu den gro­ßen Sym­pho­ni­kern gehört, denn die heu­ti­ge Münch­ner Erst­auf­füh­rung ist die drit­te Auf­füh­rung die­ser Sym­pho­nie über­haupt.

Jörg Bir­han­ce

Eine Rezen­si­on des Kon­zerts fin­den Sie hier.

Anmer­kung im Janu­ar 2017: Die auf­ge­zähl­ten Auf­füh­run­gen der Sym­pho­nie beruh­ten auf einer Mit­tei­lung des Egon-Wel­lesz-Fonds bei der Gesell­schaft der Musik­freun­de Wien. Nach wei­te­ren Nach­for­schun­gen die­ser Insti­tu­ti­on kann als gesi­chert gel­ten, dass die Sym­po­nie bei Gele­gen­heit ihrer Urauf­füh­rung durch Ser­gu Celi­bi­da­che und den Ber­li­ner Philahr­mo­ni­kern vier­mal gege­ben wur­de. Kurz nach der zwei­ten Auf­füh­rung durch Joseph Krips diri­gier­te auch Her­mann Scher­chen das Werk; in den 1990er Jah­ren erfolg­te noch eine Auf­füh­rung durch das Radio Sin­fo­nie­or­ches­ter Wien unter Pin­chas Stein­berg. Die Auf­füh­rung durch die Blu­ten­burg Kam­mer­phil­har­mo­nie Mün­chen unter Jörg Bir­han­ce war dem­nach die ach­te Auf­üh­rung des Werks. (JB)

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